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28.03.2026, 19:00 Uhr
Eintritt: 20,- / ermäßigt 15,- €
Alfred Schnittke Akademie International, Max-Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg


Liebe Freunde und Gäste

Cédric Pescia zählt sicherlich zu den renommiertesten Bach-Interpreten der Gegenwart. Von klein auf fand er in den Werken Bachs den Anfang und das Ende, Ziel, Demut und Erhabenheit als den Weg zu authentischer Musikalität, die ständig und unablässig in Neuschöpfung und -findung bleibt.

Wir sind daher unsagbar froh und dankbar, dass Cedric Pescia uns wieder einmal besucht, mit dem Schatz der gesamten Französischen Suiten im Gepäck. Säumen Sie daher nicht, lassen Sie sich dieses besondere Ereignis nicht entgehen.

Im Anhang finden Sie ein Interview mit Cedric Pescia, in dem er Bezug nimmt zu seinem Weg zu, mit und in den Werken des großen abendländischen Meisters, J.S.Bach.

Cedric Pescia widmet dieses Konzert dem verstorbenen Gründer der Akademie,
Holger Lampson

Aus dem Booklet der CD von Cédric Pescia:

Nach den Goldberg-Variationen, der Kunst der Fuge und einer Gesamtaufnahme des Wohltemperierten Klaviers haben Sie nun die Französischen Suiten verewigt. Woher rührt Ihre Vorliebe für große Zyklen?

Cédric Pescia: Meine Aufnahmen spiegeln meine Konzerte sowie meine Vorliebe für Programme rund um einen Komponisten wider. Mir gefällt die Idee der Reise, des Eintauchens in eine Welt oder in ein einziges großes Werk. Gewiss ist der Zyklus nicht dafür gemacht, vollständig gespielt zu werden, doch so erlebe ich die schönsten Bühnenmomente mit meinem Publikum.

Erinnern Sie sich an Ihre Entdeckung der Suiten und Ihre ersten Emotionen angesichts der Stücke?

Sie traten in mein Leben, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war und faszinierten mich sofort. Sie sind knapper als die Partiten oder die Englischen Suiten und enthalten Wiederholungen in jedem Stück. So konnte ich mich wunderbar austoben und meine Kreativität entwickeln. Damit wurde mir schon sehr jung bewusst, dass man sich nie wiederholen, sondern jede musikalische Phrase bei ihrer Wiederkehr anders beleuchten sollte. Umso mehr als diese Stücke mit pädagogischem Ziel zu Bachs anrührendsten gehören. Für die Finger sind sie weniger anspruchsvoll und in Bezug auf den intellektuellen Aufbau weniger komplex als seine anderen großen Zyklen, jedoch regen uns die Französischen Suiten dazu an, eine Form der Bescheidenheit in unserem Spiel vorzuziehen und die Effekthascherei zu vergessen. Es ist eine innige Musik, für die man als Interpret viel von sich geben muss. Und in diesem Zyklus sind die wesentlichen pädagogischen Ziele des Komponisten vereint: das Schulen von Fingern, Kopf und Herz.

Hat man beim Spielen der Stücke, die Bach für seine Schüler oder gar für seine Söhne komponiert hat und für den privaten Gebrauch gedacht sind, den Eindruck, in Bachs Haus einzutreten?

Absolut, umso mehr als sie zweifelsohne für das Cembalo oder das Clavichord gedacht waren, also für einen recht kleinen Raum. Im Gegensatz zu den Werken von abstrakterer Größe wie Die Kunst der Fuge legen sie recht unmittelbare Ausdrucksstärke an den Tag, und einige beruhen auf eingeschränktes Material. So basiert die Allemande der Suite h-Moll auf einem einzigen Motiv aus vier Noten. Als wollte Bach zum Wesentlichen vordringen, direkt in den Kern, ohne Kunstgriffe. Man nimmt hier die Bescheidenheit eines Komponisten wahr, der mehr darauf bedacht ist, seine Lieben zu berühren, als seine Beherrschung des Kontrapunkts in den Vordergrund zu stellen.

Ich habe beschlossen, die Stücke auf meinem eigenen Klavier einzuspielen, einem Steinway-Konzertflügel aus dem Jahre 1901, und das in meinem eigenen Arbeitsstudio. Ich musste mir mein Reich schaffen, damit ich die innige Welt dieser Musik spüren konnte.

Die Menschlichkeit der Suiten ist umso offensichtlicher, als sie nicht mit einem majestätischen Präludium beginnen, sondern mit einer Allemande von allgemein großer Sanftheit. Man begibt sich sofort in eine Welt der Zärtlichkeit…

In der Tat. Bach legt bei der Behandlung der Tänze, die größtenteils nicht in Mode waren, viel Feingefühl an den Tag. Man schwelgt in Erinnerungen oder gar in Nostalgie für etwas, das noch im kollektiven Gedächtnis ist, aber der Vergangenheit angehört. Die Stücke sind selten überschwänglich, vielmehr zurückhaltend. Und im Kern jeder Suite steht an dritter Stelle systematisch eine Sarabande. Die Emotion erreicht ihren Höhepunkt, das Herz schlägt, es geht mit ihm durch, es leidet zuweilen. Doch alles geht sehr schnell vorbei, wenn man sie im Konzert gibt. Man reist in eine emotionale Welt und findet sich nur wenige Minuten später in einer ganz anderen Stimmung wieder. Der Übergang von einem Tanz zum nächsten stellt für den Interpreten eine wahre Herausforderung dar, so verschieden sind ihre Charaktere und sogar Stile. Ich muss dabei an die Schumannschen Zyklen denken, in denen kurze Stücke mit kontrastreichen Stimmungen aufeinanderfolgen.

Und die Tänze sind nicht alle französisch!

Die Suiten bekamen ihren Titel wahrscheinlich später. Zwar enthalten sie mehrere französische Tänze, zum Beispiel das regelmäßig wiederkehrende Menuett, jedoch nimmt uns Bach auf eine musikalische Europareise mit – mit der spanischen Sarabande, der irischen Gigue und Verweisen auf die italienische und polnische Tradition. Bach, der Deutschland nie verließ, hatte die Seele eines Reisenden. Er war ein kultivierter Mann und ein großer Humanist, der enorm viele Partituren las und abschrieb, ausländischen Künstlern auf der Durchreise zuhören ging und seine Sprache aus mannigfachen Stilen zog, sowohl aus der Kunst- als auch aus der Volksmusik. Er fordert uns hier auf, im Geiste alle möglichen Tanzschritte wieder zu erschaffen, die unsere Gesten auf der Klaviatur leiten. Man stellt sich vor, wie man die Füße hebt, sie mit Leichtigkeit oder Schwere wieder aufstellt, in den Schuhen eines Bauern oder eines Aristokraten. Denn alle Gesellschaftsschichten sind vertreten. Und das Bewusstsein des Körpers in Bewegung, der Schwere und dann der Erhöhung hilft uns, zwei wesentliche und sich ergänzende Aspekte in Bachs Musik zu unterstreichen: das Erdenreich und das Himmelreich.

Ist die Vokalität hier von ebenso großer Bedeutung wie der Tanz?

Man bedenke, dass Bach mehr für die Stimme als für jedes andere Instrument komponiert hat, wie seine zahlreichen Kantaten und Messen bezeugen. Und man weiß aufgrund von Zeitzeugen, dass er von seinen Schülern verlangte, auf der Klaviatur möglichst cantabile zu spielen. Auch ich strebe danach, diese Vokalität herauszustreichen, wenn ich seine Musik auf dem Klavier interpretiere. Das Instrument, auf dem ich eingespielt habe, das vielleicht etwas weniger brillant als die modernen Steinways ist, hat mir dahingehend sehr geholfen. Denn es ermöglicht eine Klanglänge und Resonanz von einer Qualität, die heute schwer zu finden ist. Zwar liegt es nahe, bei einigen Tänzen auf ein unmittelbareres pianistisches Spiel zurückzugreifen, doch ich wollte den Gesang in den Vordergrund stellen.

Wie steht es um die Verzierung der Stücke?

Bach hat uns zahlreiche Verzierungsangaben in seinen Partituren hinterlassen, aber da die Wiederholungen nicht niedergeschrieben wurden, liegt die Bereicherung der melodischen Linie beim Interpreten. Eine Kunst, die ganz natürlich am Cembalo erfolgt, in der Pianisten jedoch weniger geübt sind. Allerdings ist es nicht nötig, dem Klavier viele Noten hinzuzufügen, da Variationen auch über die Dynamiken oder die Individualisierung der Stimmen möglich sind. Dennoch gilt es, die Verzierung im Sinn zu behalten und sich in diesem Bereich von Cembalisten inspirieren zu lassen. Ich habe bei einigen gelernt, was mich stark beeinflusst hat, auch wenn ich nicht versuche, sie nachzuahmen. Wichtig ist eine gute Balance zwischen Wissen und Instinkt, wohlwissend, dass es zahlreiche Möglichkeiten der Verzierung gibt und dass jedes Konzert anders sein kann.

Sie haben beschlossen, die Reihenfolge der Französischen Suiten zu ändern. Womit begründen Sie Ihre eigene Anordnung?

Es ist nicht genau bekannt, in welcher Reihenfolge Bach sie komponiert hat, etwa 1720, 1724. Zudem weiß keiner, ob er sie in einem Zug geschrieben hat. Tatsache ist, dass er für die Ausgabe eine Anordnung von drei Suiten in Moll, dann drei Suiten in Dur gewählt hat. Dabei ist zu bedenken, dass es nicht seine Absicht war, den Zyklus öffentlich aufführen zu lassen. Für das Konzert funktioniert es meines Erachtens viel besser, wenn man zwischen den beiden Tonarten wechselt. Doch es handelt sich dabei um eine absolut subjektive Entscheidung.

Haben die Tonarten Dur und Moll besondere Bedeutungen bei Bach?

Er bevorzugte immer die sonnigen Eigenschaften von Dur und erlangte mit Moll tragische oder dramatische Tiefen, dergleichen wenige Komponisten erreicht haben. Andere Stücke in Moll verströmen eine intensive Melancholie. Über die Tonarten hinaus, die er so unterschiedlich behandelte, sollten auch die Tonalitäten unterschieden werden. Denn damals hatte jede von ihnen einen besonderen Sinn und verwies auf präzise Emotionen, was Bach absolut verinnerlicht hatte. Allerdings hört man dies weniger bei gleichschwebender Stimmung. Darum habe ich mich für die Stimmung meines Klaviers entschieden, die sich der zu Bachs Zeit praktizierten ungleichschwebenden Stimmung annähert.

Welche Klänge wollten Sie auf dem Klavier erzeugen oder gar nachahmen?

Ich habe die Musik oft gespielt, zu Hause auf dem Clavichord. Bach liebte das Instrument – das einzige in der Familie der Tasteninstrumente, das die Möglichkeit bietet, durch sehr subtilen Druck ein Vibrato zu erzeugen. Das hat mir geholfen, ein gesangähnliches Spiel zu entwickeln.

Der andere wesentliche Aspekt meiner Überlegung zu den Klangfarben betraf den Übergang von einem Register zum anderen. Ich habe mich auf die Ästhetik der historischen Tasteninstrumente berufen. Denn im Gegensatz zu den modernen Instrumenten, die eine gewisse Vereinheitlichung des Klangs begünstigen, waren die Klaviaturen zuvor in drei oder vier Bereiche getrennt, wodurch man subtil auf verschiedenen Klangebenen spielen und Räumlichkeitseffekte erzeugen konnte.

Was empfinden Sie, wenn Sie die sechs Suiten im Konzert geben?

Ich habe den Eindruck, die ganze Gefühlspalette zu durchleben, die der Komponist mit Musik ausdrücken konnte, vom größten Glück bis zur tiefsten Trauer. Verschiedene Formen der Trauer, der Melancholie, der Nostalgie sind darin dekliniert… ohne den Humor zu vergessen, mit dem man Bach natürlich verbindet und der sich in einigen Tänzen offenbart. Der einzige Gefühlsausdruck, den ich nie im Zyklus wahrgenommen habe, ist Gewalt, obgleich diese insbesondere in den Passionen zugegen ist.

Die vollständige Interpretation des Zyklus ergibt wirklich Sinn. Im Konzert spiele ich die Suiten gern nacheinander ohne Applaus, auch wenn ich mir dazwischen eine Pause gönne. Ich erlebe dies als große innere Reise.

VITA :

Der in Lausanne geborene Cédric Pescia studierte am Lausanner Konservatorium in der Klasse von Christian Favre, bei Dominique Merlet am Genfer Konservatorium und schloss sein Studium an der Universität der Künste Berlin in der Klasse von Klaus Hellwig ab.

Parallel dazu absolvierte er Meisterkurse bei Pierre-Laurent Aimard, Henri Barda, Daniel Barenboim, Irwin Gage, Christian Zacharias und dem Alban Berg Quartett.

Er wirkte als Begleiter in mehreren Meisterkursen für Liedinterpretation unter der Leitung von Dietrich Fischer-Dieskau mit. Von 2003 bis 2006 studierte er als Gast an der Internationalen Klavierakademie am Comer See bei Dimitri Bashkirov, Leon Fleisher, Andreas Staier, Menahem Pressler, William G. Naboré und Fou T’song.

Cédric Pescia gewann 2002 den Ersten Preis (Goldmedaille) beim Internationalen Gina-Bachauer-Klavierwettbewerb in Salt Lake City, USA.

Er ist Preisträger der Leenaards-Stiftung in Lausanne und des Musikpreises der

Fondation Vaudoise pour la Culture .

Cédric Pescia gibt Konzerte in Europa, den USA, Asien und Südamerika: Philharmonie und Konzerthaus Berlin, Konzerthaus Wien, Wigmore Hall London, Mozarteum Salzburg, Carnegie Hall New York, Victoria Hall Genf, Shanghai Oriental Art Center und Tonhalle Zürich. Er ist außerdem regelmäßiger Gast bei renommierten Festivals wie dem Prager Frühling, dem Lucerne Festival, dem Menuhin Festival, dem Gstaad Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Ruhr Piano Festival, dem Miami International Piano Festival und dem Festival de Radio France et Montpellier.

Er pflegt eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit mit der Geigerin Nurit Stark, dem Pianisten Philippe Cassard und dem Regisseur und Schauspieler Omar Porras.

Er ist Mitbegründer und künstlerischer Leiter der in Lausanne ansässigen Kammermusikreihe Ensemble enScène.

Seit 2012 ist Cédric Pescia Professor für Klavier an der Universität für Musik Genf und gibt weltweit Meisterkurse.

Er ist Präsident des Künstlerischen Komitees des Genfer Wettbewerbs.

Sein Repertoire ist äußerst breit, wobei zeitgenössische Musik einen bedeutenden Anteil ausmacht. Für Claves Records, AEON, La Dolce Volta, BIS, Genuin und Neos hat er Werke von Bach, Bloch, Couperin, Beethoven, Schubert, Schumann, Debussy, Busoni, Enescu, Messiaen, Cage, Zanon, Suslin, Gubaidulina und Juillerat aufgenommen. Diese CDs erhielten hervorragende Kritiken.

Cédric Pescia kennt Johann Sebastian Bachs Gesamtwerk für Klavier wie seine Westentasche, erkundet den Komponisten gern auf anderen Instrumenten, hat Cembalisten hinzugezogen und sich auch von den Kantaten genährt… Im Laufe seines Lebens hat der Pianist einen sehr persönlichen Bezug zu Bachs Musik entwickelt. Unter seinen Fingern ist diese niemals trocken, sondern bringt die Menschlichkeit des Komponisten zum Ausdruck. Mit den Französischen Suiten gewährt uns Cédric Pescia Einblicke in die Tiefen seiner Seele.